pavement politics

02 Juni 2008

Zauberland und leise Lichter

















Abspann. Die Namen der Beteiligten werden behutsam über die Lichtquelle gezogen. Schattenspiele, Zauberwelten, Feengesang. Alles an diesem Abend hatte die atmosphärische Dichte dieser alten Schattenspielsendungen aus frühester Kindheit, in denen seltsame Gestalten in schwarzweißen Welten umherzogen und mystische Abenteuer erlebten. Ein Phantasieort. Eine Utopie voller Magie.
Dennoch war man sich im Klaren: Da auf der Bühne steht Leslie Feist und singt, da spielt ihre Band auf und hinten, fast verdeckt die Lichtquelle mit Projektionsgerät und der Dame mit den alten Geschichten auf Zelluloid, die den Abend ins rechte Licht wirft. Das Ambiente groß, die Musik? Noch größer. Alles stimmt, die Songs, die auf den Alben manchmal verschwimmen werden live plötzlich dreidimensional und druckvoll. Jedes Gitarrenriff bricht die Wellen der Gesangsharmonien, jeder Trommelschlag lässt den Raum erschaudern. Dennoch: Am überragensten sind die Momente in denen Leslie Feist ganz allein dasteht, der Sampler ihre Stimme wiederholt und so die Songs fast wie von selbst zu entrücktester Schönheit anwachsen. Da braucht es keine Instrumentalisierung, da braucht es kein Pathos. Leslie Feist changiert an diesem Abend zwischen Billie Holiday, Joni Mitchell und Patti Smith ohne auch nur einmal wie diese zu klingen. Sie beschwört diese Momente herauf und bleibt dennoch in ihrem eigenen Land. Ein Land, das sie mit ihrer Stimme problemlos regiert. Alles fügt sich ein. Nonchalant spielt sie mit dem Publikum, das ihr an diesem schwülen Sommerabend jedes Wort von den Lippen stiehlt. Und als das Licht angeht, da stehen sie da, als hätten die Eltern grad den Fernseher ausgemacht. Verträumt und schweißnass. Wie damals.


Setlist:
Intro / When I was a young girl / Mushaboom / My moon my man / The park / The limit to your love / I feel it all / Honey honey / Intuition / Gatekeeper / 1 2 3 4 / Past in present / So sorry / Brandy Alexander / Sea-lion woman / The water / Phantoms (vermutlich) / Let it die

Feist. 1.6. 2008. Jahrhunderthalle Frankfurt.

13 Dezember 2006

Pasolini Is Him

Es war die lang ersehnte Pilgerreise für viele an diesem Abend. Zurückgebürstete Tollen wohin das Auge blickt, die Morrisseyepigonen sammeln sich schon Stunden vor Konzertbeginn an der Frankfurter Jahrhunderthalle um ihr Idol nach jahrelanger Tourabstinenz zum Konzertbeginn seiner Deutschlandreise zu feiern. Nach und nach trudeln sie dann alle ein, die jungen Fans mitte zwanzig, die älter gewordenen und die angegrauten Musikliebhaber in den hinteren Reihen. Wie heterogen ein Konzertpublikum doch sein kein. Alle waren sie da, nur um ihn zu sehen, den größten aller Darsteller des Pop. Seine Rolle, die des gealterten Dandys spielt er mit souveräner Gelassenheit. Er hat sich eingerichtet in seiner Welt. Das südländische Leben hat ihn offensichtlich entspannt und es ist eine wahre Freude ihm dabei zusehen zu können, wie er es nach außen trägt. Das Konzert kann also beginnen.
Zuerst kam jedoch die avangardistische Sängerin Kristeen Young auf die Bühne gestürmt. Gesanglich eine aufgerockte Mischung aus Kate Bush und Björk, die gemeinsam mit ihrem Schlagzeuger den Saal wachtrommelte und mit ihren entstellten Rockarien offene Münder zurückließ.
An diesem Abend war sie aber nur Beiwerk. Die Stimmung blieb in gebannter Spannung. Bis der Vorhang fiel, auf dem man in der Umbaupause noch Clips aus dem Siebzigern bewundern konnte. So auch die New York Dolls bei einem Auftritt beim Musikladen, angekündigt vom Moderator mit der Bitte die Fernsehgreäte leiser zu stellen, um die Nachbarn nicht zu verärgern. Wundervoll. Und als der Vorhang schließlich fiel und mit Panic der Abend eröffnet wurde, war bereits niemand mehr zu halten. First Of The Gang und The Youngest Was The Most Loved folgten, dann You Have Killed Me. Eine Offenbarung jetzt schon, doch Morrissey überzeugt am meisten mit seinen langsamen Stücken. Everyday Is Like Sunday gerät, wie How Soon Is Now zum Höhepunkt der Extase in den ersten Reihen. Die langsamen Ringleader Stücke Dear God, Please Help Me und Life Is A Pigsty zeigen sich live noch schöner als auf Platte. Morrissey steht allein auf weiter Flur, wenn es um Professionalität auf der Bühne geht. Sein Gesang, der über jegliche Kritik erhaben ist und nicht zuletzt seine großartige Band sind Garanten für Livekonzerte nach Publikumsgeschmack.
Klar könnte es dem einen oder anderen auch länger gehen, und manch ein Song stand dann am Ende immer noch ungespielt auf der Wunschliste, aber nicht nur die gingen freudestahlend nach Hause, die einen Hemdärmel, einen Knopf oder einen Händedruck hatten ergattern können, auch den anderen schien der Abend sichtlich gefallen zu haben. Nach Konzertende platzte einem am Parkplatz noch der Vorderreifen, beseelt stieg er aus und so routiniert und gekonnt wie Morrissey zuvor seine Show geboten hatte, wechselte er seinen Reifen. Mit einem Lächeln auf den Lippen.

Ach, und während des Konzertes ließ Morrissey es sich nicht nehmen noch zu erwähnen: "Frankfurter Sausages, that NEVER passed my lips".

Setlist:
Panic / First Of The Gang To Die / The Youngest Was The Most Loved / You Have Killed Me / Disappointed / Ganglord / I'll Never Be Anybody's Hero Now / To Me You are a Work of Art / Irish Blood, English Heart / I Will See You In Far-off Places / Girlfriend In A Coma / Everyday Is Like Sunday / In The Future When All's Well / I've Changed My Plea To Guilty / Let Me Kiss You / The National Front Disco / Dear God, Please Help Me / How Soon Is Now? / I Just Want To See The Boy Happy / Life Is A Pigsty // Please, Please, Please Let Me Get What I Want / Don't Make Fun Of Daddy's Voice

Morrissey. 12. 12. 2006. Jahrhunderthalle Frankfurt.

18 Oktober 2006

Welcome to the Coffeehouse














Es war schon weit nach neun. Das spießbürgerhäusliche Ambiente, die Ballonleuchten an der Decke, holzvertäfelte Wände und schlechtes Bier verbreiteten nicht gerade die beste Laune. Neal Casal hatte bereits sein Set hinter sich gebracht, mit Ryan Adams solide am Schlagzeug. Alle warten.
Gegen zehn Uhr muss es gewesen sein, kein Anzählen, kein Intro, die Cardinals spielen los. Ryan Adams schlurpt auf die Bühne, Tasse und Kaffeekanne in der Hand. Welcome to the Coffeehouse. Heute wird kein RocknRoll gespielt, das wird schnell klar. Barhocker on stage und eine bis zum Rand zerdehnte Version von Magnolia Mountain machen den Weg des Abends deutlich: We`re at the Jazzfest - Mit Countryband und Pedal Steel. Selbst Hits wie New York, New York, To be young, Chin Up, Cheer Up und Firecracker haben sich heute passend in Schale geworfen: Cowboystiefel und Sporen. Ryan Adams gibt den lonesome Crooner, der mit herzerweichender Stimme alle Höhen und Tiefen der Lieder auslotet und sich in rasendes Gitarrenspiel vertieft das es nur so twangt. Irgendwann trägt er eine schwarze Maske, spielt die Mundharmonika, versteckt sich vor wem auch immer, meckert über Hemd und Hose, scherzt mehr mit sich selbst als mit dem Publikum und vergisst all das wieder beim nächsten Song.
Die gemeinsame Version von Dear John mit Neal Casal macht schnell klar warum das Ganze an diesem Abend so gut passt, der zwei- bzw. mehrstimmige Gesang ist fehlerlos und atemberaubend. Norah Jones wurde an diesem Abend von keinem vermisst. Die Atmosphäre ist so sehr southern-rockig, dass die skurilen Lichteffekte nicht weiter störend wirken, die am Ende sogar promnightmässig auf Tuchfühlung gehen und die Bühne in einen Wasserfall aus blau, gelb und rot hüllen. Zum Schluß gab es dann noch den Kiss before I go, das großartige Wild Flowers und Let it Ride. Nach 2einhalb Stunden ist`s vorbei. Keine Zugaben, kein Schnickschnack. Die Band geht, wie sie kam. Was zurückbleibt ist gute Laune und das Gefühl etwas ganz Einzigartiges erlebt zu haben. An diesem Abend im größten Kaffeehaus des Rheinlands.

Setlist:
Magnolia Mountain / Hallelujah / Blue Hotel / To be young.. / New York, New York / She wants to play hearts / Chin up, Cheer up / Freeway to.. / Harder now that's it`s over / Damn Sam / Easy Plateau / Peaceful Valley / Trouble on wheels / Firecracker / Why do they leave / Kiss before I go / Dear John / Cold Roses / Birdsong / Wildlowers / Let it ride

Ryan Adams & The Cardinals. 18.10.2006. Das Haus Ludwigshafen.

22 Juni 2006

Living Proof
















Ein oft bemühter Spruch, soll hier nun in dezent gewandelter Form, ein weiteres Mal zu Ruhm und Ehre gelangen: Über Max Goldt Lesungen schreiben, ist wie neben Pyramiden Baumhäuser bauen. Was Goldt liest ist nicht so einfach wiederzugeben, nein, wirklich nicht. Wollte man es tatsächlich versuchen, man säße um wertvolle Lebensstunden beraubt vor einem Text, der nicht im geringsten das erzählt, was man so verzückt vernommen hatte. Also kurz und knapp, ich werde es erst gar nicht versuchen. Stattdessen werde ich lieber erzählen wie ich den Abend so verbracht habe.
Um halb Acht kam der Besuch, der schon in freudiger Erwartung die erste ausführliche Begegnung mit Max Goldt in seiner physischen Reinform herbeisehnte. Mit Freude stellte ich fest, das der Wein der allzu plötzlich auf dem Tisch stand nicht nur gut aussah, sondern auch noch vorzüglich schmeckte. In intimes Geplänkel vertieft, die Stimme von Chan Marshall aus dem Nebenzimmer vernehmend, saßen wir so da und verpassten es beinahe rechtzeitig aufzubrechen. Ein Glück wohne ich mitten in der Innenstadt. Ein Glück zumindest in diesem Moment. Auch in mir begann sich ein kleines Vorfreudchen zu regen, hatte ich doch seit Entdeckung der goldt`schen Kolumnen kein Werk verpasst, alles gelesen, was gelesen werden konnte, nur auf Lesungen war ich nie. Vielleicht weil ich nicht so recht wußte, wie mir das gefallen würde, wenn der Max Goldt aus meinem Kopf plötzlich in Leib und Stimme den Texten seinen eigenen Stil verpassen würde. Der würde sich eventuell von meinem Lesestil unterscheiden. Vorsichtshalber hatte ich mir also eine Audio-CD einer Lesung besorgt und mir unentwegt angehört, damit umging ich meine Sorgen.
In der Centralstation, die zu diesem feinen Anlass auch ordentlich Weine aufgefahren hatte, machten wir unsere Geldbeutel richtig schlank und tranken uns hüsch einen an. So bedusselt war natürlich dann alles gut. Lesung vorzüglich. Neues Material: mit großer Freude vernahm ich die Ankündigung eines neuen Buches, lies mir keins signieren, weil ich mir keins kaufen wollte, das ich schon hatte und brachte einen Teil des Besuches zur Straßenbahn. Der andere Teil fand den Bus von alleine.

Max Goldt. Dem Elend Probe sitzen. 1.6. 2006. Centalstation Darmstadt.

Die Kugeln in dieser Einkaufsmeile befinden sich übrigens in Yväskylä, Finnland.

13 Mai 2006

Am Paradise Zunächst der Wiese Liegt ein Garten...
















Der heiße Frühlingstag nimmt bald ein Ende, die Stadt schwitzt. Straßenbahnschienen blitzen unter den letzten Sonnenstrahlen. Der Abend ist jung. Es soll früh losgehen. Langsam füllt sich der kleine Raum, ein Gig im Jugendzentrum der elder generation. Das King Kamehameha bietet immerhin Ambiente. Unter dem blauen Himmel, der durch Plexiglas scheint, eröffnet Andre Rattay mit den Drumsticks den Reigen. Aus dem Beat schält sich der Opener des neusten Blumfeld Albums Verbotene Früchte: Schnee. Nacheinander betreten dann Vredeber Albrecht, Lars Precht und schließlich Jochen Distelmeyer die Bühne, die eigentlich keine ist, weil sie so klein an der Wand lehnt. Wer heute nicht nah dran war, der war nicht da.
Distelmeyer singt, der Rest spielt. So geht das zwei Stunden, man kann es am Ende nicht genau sagen. Es war eine gefühlte Katharsis, andere würden vielleicht Best-Of Revue sagen.
Denn neben vielen neuen Stücken finden auch die alten wieder ihren Platz im Blumfeld-Kosmos. Es ist immer Platz für Prefab Sprouts Electric Guitars, für Liebeslieder, für Mein System kennt keine Grenzen. Distelmeyer differenziert da nicht, er singt wie ein Gott. Ist es das Morrissey-Phänomen? Wo nimmt er diese Stimme her?
Das Publikum wiegt und singt sich mit der Band zwar nicht ganz in die von Distelmeyer anfangs geforderte Extase, die Kleidungsstücke bleiben wo sie sind, aber die Gesichter sprechen Bände: Wo Blumfeld einst den Zweiflern die Punch-Lines für Graffitis an Häuserwänden lieferten, da entsteht heute einfach nur ein Lächeln. Die Welt ist schön, ich lebe gern.
Oberflächlich ist das nicht. Musikalisch ist das immer noch allerhöchstes Niveau. Da hörte ich einen im Publikum zum Nebenmann sagen: Sag mal, Tomte. Wer war das noch mal?
Dann ist die Nacht gekommen und ich ging. Nur um zu gehen.

Setlist:
Schnee / Strobohobo / Weil es Liebe ist / Ich – wie es wirklich war / Der Apfelmann / Wir sind frei / Tics / Eintragung ins Nichts / In der Wirklichkeit / Der Sturm / / Alles macht weiter / Die Diktatur der Angepassten / So lebe ich / Heiß die Segel! / Mein System kennt keine Grenzen / Viel zu früh und immer wieder; Liebeslieder / Superstarfighter / Verstärker/Electric guitars/Everytime we say goodbye/Well I wonder / Der sich dachte / Die Welt ist schön

Blumfeld. 4.5. 2006. King Kamehameha Frankfurt.